Buntbarsche des Victoriasees

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Oliver

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<title>Neue Seite 1</title>
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<h3>Buntbarsche des Victoriasees</h3>
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<h3><i>Haplochromis spp.</i></h3>
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© Markus Kappeler / Groth AG<br>
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection,<br>
Groth AG, Unterägeri)</p>
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<p>Mit einer Fläche von 68 800 Quadratkilometern ist der im ostafrikanischen
Hochland - im Grenzgebiet zwischen Kenia, Tansania und Uganda - gelegene
Victoriasee anderthalb mal so gross wie die Schweiz und (nach dem Oberen See in
Nordamerika mit 82 400 km<font size="-1">2</font>) der zweitgrösste
Süsswassersee der Erde. Insgesamt 3300 Kilometer lang sind die Ufer dieses
riesenhaften, nach der ehemaligen britischen Königin Victoria benannten
Gewässers. Mehrere grössere Hafenstädte liegen daran, wie Kisumu in Kenia,
Mwanza in Tansania oder Entebbe in Uganda, die durch regelmässig befahrene
Schiffslinien miteinander verbunden sind. Zahlreiche kleine und grössere Inseln
liegen im See verstreut, welche zusammen eine Fläche von rund 6000
Quadratkilometern aufweisen. Alles in allem erinnert der Victoriasee eher an ein
Binnenmeer als an einen Süsswassersee.</p>
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<p>Bemerkenswert ist der Victoriasee aber nicht nur wegen seiner geografischen
Daten, sondern auch wegen seiner Wassertierwelt, besonders wegen seiner
aussergewöhnlich formenreichen Fischfauna: Weltweit weisen nur noch die beiden
weiter südlich liegenden Seen Tanganjikasee und Malawisee eine ähnlich grosse
Vielfalt an Fischarten auf. Und wie bei den beiden «Nachbarseen» ist diese
enorme Fischvielfalt zur Hauptsache auf eine einzige Familie zurückzuführen: die
Buntbarsche (Cichlidae).</p>
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<p><b>Über 400 Victoriasee-Buntbarsche</b></p>
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<p>Wieviele Buntbarsche der Victoriasee insgesamt beherbergt, lässt sich nicht
genau sagen. Gewiss ist einzig, dass bis heute etwa 125 Arten wissenschaftlich
beschrieben worden sind und dass mehrere Dutzend Arten bereits gesammelt, aber
noch nicht wissenschaftlich benannt worden sind. Als unbestritten gilt ferner,
dass zahlreiche weitere Arten noch unentdeckt geblieben sind. Und leider besteht
kein Zweifel, dass viele Arten, worunter auch unbekannte, in den letzten
Jahrzehnten aufgrund der «Machenschaften» des Menschen ausgestorben sind. Neuste
Schätzungen besagen, dass die Gesamtzahl der Buntbarscharten im Victoriasee noch
um die Mitte unseres Jahrhunderts deutlich über 400 betragen hat, und dass die
grosse Mehrheit hiervon endemische Arten gewesen sind. Vergleicht man diese Zahl
mit den «kläglichen» 45 einheimischen und 13 eingeführten Fischarten, die es
insgesamt in den schweizerischen Gewässern gibt, so erhält man eine Vorstellung
vom unglaublichen Formenreichtum der Buntbarsche im Victoriasee.</p>
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<p>Erstaunlich ist dieser Reichtum umsomehr, als der Victoriasee geologisch
gesehen verhältnismässig jung ist: Man schätzt sein Alter auf weniger als eine
Million Jahre. Kommt hinzu, dass er vor gut 12 000 Jahren vorübergehend
vollständig austrocknete. So hat sich also offensichtlich die heutige
Formenvielfalt der Victoriasee-Buntbarsche in einer überraschend kurzen
Zeitspanne - ausgehend von wahrscheinlich wenigen eingewanderten, vormals
flussbewohnenden Buntbarsch-Vorfahren - herausgebildet. Dies gilt zu Recht als
ein ganz aussergewöhnlicher Fall von explosionsartiger Evolution.</p>
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<p>Die Vielfalt der Buntbarsche im Victoriasee ist zu einem erheblichen Teil auf
das besonders reiche Spektrum aquatischer Lebensräume zurückzuführen, welches
dieses riesenhafte, tropisch-warme und (bei einer durchschnittlichen Wassertiefe
von weniger als 40 Metern) sehr seichte Gewässer aufweist: Neben dem offenen
Wasser des Sees finden sich in der Uferzone und im Bereich der Inseln nebst
geschützten, wasserpflanzenreichen Buchten beispielsweise sandige, Wind und
Wellen ausgesetzte Strandabschnitte, verlandendende, quadratkilometergrosse
Papyrussümpfe und felsige, zerklüftete Steiluferpartien. In den uferfernen
Teilen des Sees wiederum ist die Beschaffenheit der Böden sehr verschiedenartig
und reicht von weichen, verschlammten Untergründen über sandige Flächen bis hin
zu Kieselstein- und Felsböden. Jeder dieser zahlreichen Lebensräume im
Victoriasee bietet spezielle Lebensverhältnisse und -nischen. Und jeder von
ihnen beherbergt heute seine eigene Gemeinschaft von Buntbarscharten.</p>
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<p><b>Vier Buntbarsch-Beispiele</b></p>
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<p>Obschon sich die Buntbarscharten des Victoriasees auf die Nutzung
unterschiedlichster ökologischer Nischen spezialisiert haben, sind sie doch in
ihrer Gestalt alle einander recht ähnlich geblieben. Markante Unterschiede
bestehen hingegen in ihrer Färbung und der Struktur ihrer Kiefer und Zähne,
worin sich die Vielfalt der Ernährungsgewohnheiten widerspiegelt. Ferner
unterscheiden sie sich in ihrer Grösse - die erwachsenen Individuen werden je
nach Art zwischen 5 und 25 Zentimeter lang - teils deutlich voneinander.</p>
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<p>Die auf diesen Seiten vorgestellten vier Arten mögen die ökologische und
körperbauliche «Bandbreite» der Buntbarschfauna im Victoriasee veranschaulichen,
denn es handelt sich um vier Arten, die verhältnismässig stark voneinander
abweichen: den Rotschwanz-Schabebuntbarsch <i>(Haplochromis nigricans, </i>auch<i>
Neochromis nigricans)</i>, den Wulstlippenbuntbarsch <i>(Haplochromis chilotes,
</i>auch<i> Paralabidochromis chilotes)</i>, den Bänderbuntbarsch <i>(Haplochromis
cinctus, </i>auch<i> Enterochromis cinctus)</i> und den noch nicht
wissenschaftlich benannten Orangefarbenen Felsen-Raubbuntbarsch <i>(Haplochromis
sp.nov., </i>auch<i> Haplochromis «orange rock hunter»)</i>.</p>
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<p>Der <i>Rotschwanz-Schabebuntbarsch</i>, der eine recht hohe «Stirn» aufweist,
ist ein mittelgrosses Mitglied seiner Sippe: Erwachsene Tiere erreichen eine
Länge von etwa zehn Zentimetern. Er hat sich auf das Abweiden bzw. «Abschaben»
von Algen spezialisiert, die auf Felsen wachsen, wobei ihm sein kammähnliches
Gebiss sehr dienlich ist. Daneben verschmäht er auch Insekten und andere
wirbellose Kleintiere nicht, denen er bei der Nahrungssuche begegnet.</p>
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<p>Der <i>Wulstlippenbuntbarsch</i> ist etwas grösser als der
Rotschwanz-Schabebuntbarsch und besitzt - wie sein Name sagt - auffällig
vergrösserte Lippen. Er verfügt über pinzettenartige Zähne, die er einsetzt, um
Insektenlarven und andere wirbellose Kleintiere aus Felsspalten, Rissen in
Holzstücken und anderen Verstecken hervorzuziehen. Die Wulstlippen scheinen
dabei als Schutzpolster zu dienen: Sie verhindern Verletzungen, wenn er seinen
Mund gegen Fels oder Holz presst.</p>
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<p>Der <i>Bänderbuntbarsch</i> ist deutlich kleiner als seine beiden oben
genannten Vettern. Er bewohnt weichgründige Seegebiete in gewöhnlich mehr als
zehn Metern Tiefe und ernährt sich dort zur Hauptsache von allerlei
abgestorbenen Pflanzenstoffen, die auf den Seeboden abgesunken sind. Daneben
packt er gerne Zuckmücken- und andere Insektenlarven, die sich in den
Bodenablagerungen aufhalten.</p>
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<p>Der <i>Orangefarbene Felsen-Raubbuntbarsch</i> ist ein verhältnismässig
grosser Vertreter seiner Sippe, der sich an felsigen Steilhängen im Bereich von
Spalten und Rissen umherbewegt. Nach seiner auffällig weiten Mundöffnung und
seinen spitzen Zähnen zu schliessen, hat er sich auf die Jagd nach anderen
Fischen spezialisiert. Der Orangefarbene Felsen-Raubbuntbarsch wurde erst 1992
an einer felsigen Stelle im Mwanza-Golf, im Süden des Victoriasees, entdeckt,
und es deutet alles darauf hin, dass seine Verbreitung im See - im Gegensatz zu
derjenigen der drei vorgenannten Arten - schon immer sehr beschränkt war.</p>
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<p><b>Mund bildet Bruthöhle</b></p>
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<p>Wie die meisten Mitglieder der Buntbarschfamilie zeigen die
Victoriasee-Buntbarsche eine ganz spezielle Form der Brutpflege, das sogenannte
«Maulbrüten»: Beim Laichen legt zuerst das Weibchen seine - zumeist nur zehn bis
dreissig - Eier ab und birgt sie unverzüglich in seiner Mundhöhle. Dann nimmt es
den vom Männchen abgegebenen Samen mit dem Wasser auf, so dass die Eier also in
seinem Mund befruchtet werden. Das Gelege bleibt danach in der Obhut des
Weibchens, bis die Jungen aus den Eiern schlüpfen. Immer wieder schichtet es die
Eier in seinem Mund durch Kaubewegungen um, damit sie alle gleichermassen mit
sauerstoffreichem Frischwasser versorgt werden. Hingegen nimmt es während der
zwei bis drei Wochen dauernden «Brutzeit» keine Nahrung zu sich, denn die Gefahr
wäre gross, dass es dabei seinen eigenen Nachwuchs verschlucken würde. Es magert
deshalb bis zum Entlassen der Jungen erheblich ab.</p>
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<p>Auch nach dem Schlüpfen kümmert sich das Weibchen noch eine geraume Weile um
seine Jungen. Regelmässig entlässt es sie, damit sie in der unmittelbaren
Umgebung erste Nahrung aufnehmen können. Und immer wieder nimmt es sie
bereitwillig auf, wenn Gefahr droht oder für die Nacht. Sind die Jungfische mit
der Zeit zu gross, um bequem im mütterlichen Mund Unterschlupf zu finden, wehrt
das Weibchen die weiterhin unternommenen Versuche der Jungen, seinen Mund
aufzusuchen, ab. Die Jungen entfernen sich daraufhin immer weiter von ihrer
Mutter, bis der Kontakt schliesslich ganz abbricht.</p>
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<p><b>Nilbarsch als Übeltäter</b></p>
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<p>Im warmen, lichtdurchfluteten und nährstoffreichen Wasser ihres äquatorialen
Heimatgewässers haben die Victoriasee-Buntbarsche während langer Zeiträume beste
Lebensgrundlagen gefunden. Dies hat ihnen nicht nur die Entwicklung der
erwähnten Formenvielfalt erlaubt, sondern hat zumindest bei gewissen Arten auch
zur Bildung enorm umfangreicher Bestände geführt. Zusammen mit den anderen
Fischarten im Victoriasee bildeten diese für die ansässige menschliche
Bevölkerung eine wertvolle, scheinbar unerschöpfliche Eiweissquelle. Noch bis in
den fünfziger Jahren unseres Jahrhunderts diente der Fischfang hauptsächlich der
Selbstversorgung der örtlichen Bevölkerung. Er wurde mit einfacher Ausrüstung
ausgeübt, und es gab kaum Hinweise auf eine Übernutzung der Fischbestände im
See.</p>
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<p>Leider hat sich die Situation in der Zwischenzeit dramatisch verändert:
Folgenschwere Eingriffe seitens des Menschen haben das Ökosystem des
Victoriasees empfindlich beeinträchtigt - mit katastrophalen Folgen für die
heimischen Buntbarsche. Die Fachleute schätzen, dass bereits rund zwei Drittel
aller Victoriasee-Buntbarsche, also weit über 200 Arten, ausgestorben sind.</p>
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<p>Als besonders einschneidende Tat hat sich die Ansiedlung des Nilbarschs <i>(Lates
sp.)</i> aus der Familie der Glasbarsche (Centropomidae) erwiesen. Es handelt
sich dabei um einen Speisefisch, der bis 180 Zentimeter lang und nahezu 200
Kilogramm schwer werden kann - und der deshalb für jeden Fischer eine überaus
lohnende Beute darstellt. Leider ist der Nilbarsch aber auch ein überaus
gefrässiger Raubfisch, der sich nach seiner Einbürgerung buchstäblich durch die
reichen Buntbarschbestände des Sees hindurchfrass. Dies fiel ihm umso leichter,
als ihm die Victoriasee-Buntbarsche nicht nur körperlich weit unterlegen waren,
sondern in ihrer Stammesgeschichte auch kein wirksames Feindvermeidungsverhalten
gegenüber solch mächtigen Fressfeinden entwickelt hatten.</p>
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<p>Wann der Nilbarsch, dessen ursprüngliche Heimat die Stromgebiete des Nil,
Niger und Senegal sind, erstmals im Victoriasee ausgesetzt wurde, ist nicht
bekannt. Wir wissen einzig, dass in den späten fünfziger und frühen sechziger
Jahren sowohl in den ugandischen als auch den kenianischen Teilen des Sees
mehrere von den britischen Kolonialherren geförderte Einbürgerungsprojekte
durchgeführt wurden. Anfänglich blieben die Bestände des Nilbarschs ziemlich
klein und örtlich begrenzt. Doch allmählich breitete sich der grosse Fisch immer
weiter aus, und in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren erfolgte
schliesslich eine sprunghafte Bestandsvergrösserung, in deren Verlauf er
sämtliche Bereiche des Sees eroberte.</p>
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<p>Machten die Buntbarsche in den kenianischen Teilen des Victoriasees einstmals
rund 80 Gewichtsprozent des Fischfangs aus, so war ihr Anteil im Jahr 1981 auf
spärliche 4 Prozent gesunken - während der Nilbarsch nun 82 Prozent des Fangs
bildete. Heute lassen sich viele Buntbarscharten im Fang überhaupt nicht mehr
finden. Sie dürften allesamt ausgestorben sein. Dies betrifft vor allem die
Buntbarsche des offenen, uferfernen Wassers, wo der Nilbarsch vorzugsweise auf
Jagd geht; darunter plankton-, insekten- und garneelen- sowie fischessende, dem
<i>Orangefarbenen Felsen-Raubbuntbarsch</i> ähnliche Arten. Aber auch die in den
uferfernen Bereichen des Sees von Bodenablagerungen und Bodenlebewesen sich
nährenden, dem <i>Bänderbuntbarsch</i> ähnliche Arten sind fast vollständig
verschwunden. Andere, früher weitverbreitete Arten wie der <i>
Wulstlippenbuntbarsch</i> überleben nur noch an felsigen Uferpartien des
Festlands und der Inseln. Hier, wo der Nilbarsch eher geringe Aussichten auf
Jagderfolg hat, befinden sich denn heute auch die wichtigsten Rückzugsgebiete
der Victoriasee-Buntbarsche.</p>
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<p><b>Düstere Zukunftsaussichten</b></p>
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<p>Als sehr nachteilig für die Buntbarsche des Victoriasees hat sich auch der in
den siebziger Jahren aufgenommene Fischfang mit Schleppnetzen herausgestellt.
Durch diese Trawlfischerei gerieten viele uferfern lebende, bereits unter der
Verfolgung durch den nimmersatten Nilbarsch leidende Arten unter zusätzlichen
Jagddruck. Ausserdem wurden die Lebensräume bodenlebender Arten teils massiv
geschädigt. Die (seinerzeit mit internationalen Entwicklungshilfsgelder
geförderte) Trawlfischerei ist nicht nur ökologisch, sondern auch sozial höchst
bedenklich, entzieht sie doch den ansässigen «Kleinfischern» die Lebensgrundlage
und gefährdet deren traditionelle Selbstversorgergesellschaft. Dies wiederum ist
mitverantwortlich dafür, dass verschiedene Formen des Fischfangs in den
ufernahen Zonen des Sees - den Hauptrückzugsgebieten der Buntbarsche - erheblich
an Intensität zugenommen haben. Besonders verheerend wirkt sich dabei die
Verwendung von Insektiziden und anderen wasserlöslichen Giften aus, die an
felsigen Ufern eingesetzt werden, um die Fische zum Verlassen ihrer Verstecke zu
nötigen.</p>
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<p>Von der Vielzahl unheilvoller Schadfaktoren, welche den Buntbarschen heute
das Leben schwer machen, sei zum Schluss noch der stark angewachsene Eintrag von
Schwebstoffen durch die den See speisenden Flüsse genannt. Zurückzuführen ist
diese ungute Fracht vor allem auf die bedenkliche Bodenerosion im Einzugsgebiet
dieser Flüsse, wo der Mensch die Wälder abgeholzt und sein Vieh die Grasflächen
überweidet hat. Der Schwebstoffeintrag bewirkt eine gebietsweise erhebliche
Trübung des Seewassers, wodurch unter anderem das Wachstum bodenlebender Algen,
von denen sich Arten wie der <i>Rotschwanz-Schabebuntbarsch</i> ernähren,
nachteilig beeinflusst wird. Zu befürchten ist aber vor allem, dass die
getrübten Sichtverhältnisse unter Wasser das charakteristische Laichgeschehen
der Buntbarsche - und damit deren Nachzuchterfolg - beeinträchtigen.</p>
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<p>Wissenschaftler aus Kenia, Tansania und Uganda arbeiten derzeit zusammen mit
Kollegen aus Europa und Amerika intensiv daran, den Einfluss der diversen
Schadfaktoren auf die Buntbarsche des Victoriasees abzuklären. An diesen Studien
massgeblich beteiligt sind die Experten der «Arbeitsgruppe zur Erforschung der
Buntbarsch-Ökologie» («Haplochromis Ecology Survey Team»; HEST) mit Basis an der
Universität von Leiden in den Niederlanden. Dank ihrer Forschungsarbeit, die sie
seit 1977 im Mwanza-Golf im südlichen, zu Tansania gehörenden Teil des
Victoriasees durchführen, wissen wir Näheres sowohl über die Ökologie der
Buntbarsche vor dem «Nilbarsch-Boom» als auch über die massiven Veränderungen,
die sich in der Zwischenzeit abgespielt haben.</p>
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<p>Das Ziel all dieser Untersuchungen ist es, rasch greifende Massnahmen für die
ökologische Restaurierung des Victoriasees im allgemeinen und für die Rettung
der noch verbleibenden, arg bedrängten Buntbarsche im speziellen zu entwickeln.
Noch liegen realisierbare Lösungen allerdings in weiter Ferne. Entsprechend
düster fallen die Prognosen hinsichtlich der Zukunft der Victoriasee-Buntbarsche
aus.<br>
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